Ja und Nein

Es war einmal ein Königreich mit einem sehr starken König. Er regierte sein Volk weise und geschickt und während um ihn herum viele Völker Krieg führten und ein Aufstand dem anderen folgte, konnte hier jeder friedlich sein Tagwerk erledigen, Geschäfte führen und gut leben.

Eines Tages kam ein alter und weiser Mann aus sehr fernen Landen zum König. Er war von seinem Herrscher beauftragt, zu erfahren, auf was sich der Wohlstand und Frieden begründe. Auf die Bitte des Weisen gewährte ihm der König eine Audienz.

„Ja, weisst du“, sagte der König, „eigentlich höre ich in allen Dingen nur auf meinen Berater. Ich bespreche alles mit ihm, stelle ihm Fragen, die mir gestellt werden. Er berät mich bei meinen Tätigkeiten, bei Einladungen, Aufgaben, ja sogar bei den kleinsten Kleinigkeiten. Und da gibt es eine ganze Menge bei einem König, wie du dir sicherlich vorstellen kannst.“

Der alte weise Mann nickte und dachte darüber nach. „Aber solch einen Berater hat mein Herrscher doch auch“, erwiderte er. „Dennoch gibt es immer wieder Unruhe und Unzufriedenheit in meinem Volk. Ja, sogar Kriege werden geführt.“

„Das war früher auch in meinem Königreich so“ sagte der König.

„Dann hast du den Berater gewechselt?“ fragte der Weise.

„Nein“, sprach der König, „der Berater war immer der Gleiche“. Ich habe ihm nur einen anderen Platz gegeben. Früher hat er mich auch schon bestens beraten und niemals war der Rat je schlechter. Ich habe jedoch aus Angst davor, dass mich die Menschen nicht mögen, wenn ich Nein sage, oft Ja gesagt oder Ja, wenn mir Nein geraten wurde. Ich habe mich verleugnen lassen, habe Feste gegeben oder besucht, obwohl ich nicht wollte, habe Zeit für alle gehabt und mich vernachlässigt. Ich habe gelogen und Dinge getan, die ich nicht wollte. Und alles nur, weil ich Angst davor hatte, zu mir zu stehen und eine andere Meinung zu vertreten, als meine eigene.“

„Ach“, sagte der weise alte Mann, „das ist bei uns schon lange so. Mein Herrscher will überall angesehen und gemocht werden. Er nimmt sich für sich keine Zeit und tut alles, was andere von ihm wollen. Leider kann er es nie allen Recht machen, und das führt dann zur Unruhe im Volk. Aber was, weiser König, meinst du mit dem anderen Platz, den du dem Berater gegeben hast?“

Der König liess eine lange Pause. „Mein Berater wohnt jetzt da in meinem Herzen. Und ich höre genau hin, was er mir sagt, auch wenn mein Kopf, meine Erziehung oder die Menschen um mich herum etwas anderes erwarten. Und seitdem ich das tue, habe ich wieder Frieden.“

„Aber was ist mit den Menschen, die etwas anderes erwarten?“, fragte der Weise. „Führt das nicht zu Streit oder Mißmut?“

„Doch, schon“, entgegnete der König. „Es gibt Menschen, die das Königreich verlassen haben, manche haben sich abgewendet. Die meisten jedoch, spüren meinen inneren Frieden und tun es mir gleich. Jeder weiss, woran er bei mir ist. Die Menschen merken, dass ich zu dem stehe, was ich sage und das verbreitet nicht nur bei mir Ruhe, Frieden und Wohlergehen.“

Der alte Mann dachte eine Weile darüber nach und sprach: „Danke, weiser König. Ich erinnere mich an eine Zeit, da war das bei uns auch so. Als ich Kind war und mein Herrscher noch jung, hörte er auch mehr auf sein Herz und handelte danach. Das änderte sich, als es ihm wichtiger wurde, angesehen zu sein. Er vernachlässigte sich und seine innere Weisheit mehr und mehr, verleugnete seine Meinung und vertrat Ansichten, die nicht seine waren. Aber was, weiser König, kann er jetzt tun?“

„Der Berater muss einen anderen Platz bekommen“ antwortete der König, „näher am Herzen. Und gib ihm Raum und er braucht meist etwas längere Bedenkzeit, als der Verstand , mit seiner Antwort. Raum und Zeit sind nötig.“

„…und manchmal auch ein wenig Courage“, sagte der alte Mann.