Vom Verzeihen

Ich erlebe oft Menschen, die großen Kummer haben, weil andere ihnen Leid zufügten. Manchmal sind dabei Jahrzehnte ins Land gezogen und sie leiden noch immer, hegen Groll und haben Kummer, manchmal sogar Hass. Und das ist sogar verständlich, wenn ich die Berichte höre. Aus Wut, Angst, Unverständnis der Gegenseite oder sogar, weil der Täter schon tot ist, gibt es keine Möglichkeit der Auflösung aus dem Dilemma.

Doch es gibt einen Weg: Verzeihen. Und es gibt ein Verzeihen, das nicht akzeptiert. Akzeptiert, dass Menschen Böses getan haben, aus welchen Gründen auch immer. Es gibt ein Verzeihen, das ganz egoistisch ist. Damit man selbst wieder Frieden zurückbekommt.

Meistens ist in unserer Kultur das Verzeihen verknüpft mit Akzeptieren der anderen Meinung, mit Verständnis für Beweggründe. Das ist nicht gemeint.

Ich frage dann, wie sich das anfühlt, der Hass oder die Wut auf den Anderen und oft bekomme ich zur Antwort: „wie ein Kloß“, „eng“, „schwarz“ da im Solarplexus, im Hals oder Bauch. Und dann bitte ich die Menschen darum, mal für wenige Augenblicke so zu tun, als hätte man verziehen. Und ob das wohl gelingt, wenn man mal nur so tut. Und als Antwort bekomme ich oft: freier, heller, gelöster.

Das ist es, auf das es ankommt. Kann ich aus ganz egoistischen Gründen verzeihen, weil es mir dann besser geht ? Ich muss ja gar nicht verstehen oder akzeptieren, was der andere getan hat.

Dazu gibt es eine kleine, passende Geschichte:

Zwei Mönche, der eine alt der andere jung, waren auf Ihrer Pilgerreise, die schon mehrere Monate währte kurz vor der Rückkehr in ihr Kloster, als sie an einem Fluss eine junge Frau antrafen. Diese weinte, und auf die Frage, was sie denn so traurig macht, sagte sie, dass sie nicht über den Fluss kommt. Heute Morgen war sie aufgebrochen in das Nachbardorf, durch den Bach gewatet und durch die starken Regenfälle des Monsuns sei aus dem Bach ein ziemlicher Fluss geworden. Ob es denn möglich sei, dass einer der beiden Mönche sie auf dem Rücken an das andere Ufer tragen könne.

Der junge Mönch protestierte sofort und erinnerte an das Gelübde, dass ein Mönch niemals eine Frau berühren, geschweige denn auf die Schulter nehmen dürfe.

Nach kurzer Bedenkzeit nahm der alte Mönch die junge Frau auf seine Schultern und trug sie über den Fluss und die Mönche setzten ihren Weg fort.

Kurz vor den Toren des Klosters sagte der junge zum alten Mönch: „Sag, wie kannst du damit leben, dass du unser Gelübde gebrochen und die Frau auf deinen Schultern getragen hast?“

Der alte Mönch antwortete: „Ja, ich habe sie getragen und am anderen Ufer abgesetzt. Warum trägst du sie noch immer ?“ (aus: The Wisdom of Zen Masters)