Psychotherapie und Scham

„Herr Berlin“, so neulich eine eMail, „ich bin sehr eifersüchtig und das belastet meine Beziehung stark. Kann ich einen Termin bei Ihnen kurzfristig bekommen? Bitte schreiben Sie mir nur per Mail und rufen Sie mich nicht an. Ich will nicht, dass meine Frau erfährt, dass ich zu Ihnen komme.“

Oder, so eine häufig geäußerte Frage: „Bleibt es unter uns, wenn ich zu Ihnen komme?“

Zuerst einmal: selbstverständlich ist der Besuch von Ihnen bei mir anonym. Nur Sie und ich wissen davon. Ich bin an Artikel 3 der Berufsordnung für Heilpraktiker gebunden, die u.a. auch die Schweigepflicht regelt. Neben Punkt 1: Der Heilpraktiker verpflichtet sich, über alles Schweigen zu bewahren, was ihm bei der Ausübung seines Berufes anvertraut oder zugänglich gemacht wird., gibt es noch weiter Ausführungen dazu in 5 weiteren Absätzen.

Aber – und darauf will ich eigentlich hinaus: der Umgang mit menschlichen Schwächen oder persönlichen psychischen Belastungen ist für sich genommen eigentlich kein Grund, sich zu schämen. Häufig ist es doch so, dass nur wir selbst glauben, dass wir mit unserem Problem alleine sind, damit Außenseiter und deshalb nicht „normal“.

Also konkret hören sich unsere inneren Dialoge dann vielleicht so an:
„So eifersüchtig, wie ich, ist eigentlich sonst niemand.“
„Kein Mensch geht wegen so ‚ner Sache zum Psychotherapeuten.“
„Mein Leben ist total durcheinander. Aber Andere machen das mit sich aus und packen das allein. Ich bin wahrscheinlich schwach, wenn ich mir Hilfe hole.“
„Wenn ich zum Therapeuten gehe und das jemand mitbekommt – was denkt man dann von mir ?“

Um mal mit einem Vorurteil aufzuräumen: Zu mir kommen Frauen und Männer, Jugendliche, Erwachsene, ältere Menschen, Arbeiter, Ärzte, Hausfrauen, Juristen, Arbeitslose, Manager (und die Reihenfolge hat hier keine Bedeutung und könnte beliebig fortgesetzt werden).

Wer sagt denn, dass ein studierter Betriebswirt, eine Mutter mit 2 Kindern, die gerade in Elternzeit ist oder ein angehender Jurist keine großen oder manchmal ähnliche psychische Belastungen hat ?

Wir finden es im Übrigen völlig normal, wenn Coaches Mannschaften trainieren, wenn Unternehmensberater in Unternehmen Führungskräfte unterstützen, ja sogar, wenn im Abstiegskampf von Fußballmannschaften Psychologen konsultiert werden, um diese  mental aufzubauen und Blockaden zu lösen. Und glauben Sie mir bitte: die Gespräche, die dort geführt werden, unterscheiden sich nicht so sehr von den Gesprächen, die ich führe.

Ich sehe die Sache so: die Welt ist sehr vielschichtig geworden, das Leben dreht schneller. Es müssen eine Menge Informationen verarbeitet werden. Wir haben oft das Gefühl, nur mitzulaufen, nicht mehr frei entscheiden zu können. Häufig sind Gespräche oberflächlich und man kratzt nur an der Oberfläche.

Die Mächtigen der Welt machen, was sie wollen. Die Schere zwischen armen und reichen Menschen geht immer weiter auseinander. Medien gaukeln uns vor, dass so oder so „normal“ ist. So mal nebenbei: in Filmen gehen immer die völlig aus der Rolle fallenden Charaktere zum Psychiater oder werden manchmal da auch hingeschickt. Das macht etwas mit uns und der Sicht auf Therapien. Und das erzeugt ein Bild in uns – eine Ansicht über Psychologen und Therapeuten. Vielleicht ist es an der Zeit, diese Vorstellung zu überprüfen.

Eine Frage dazu: wer darf sich aus Ihrer Sicht eigentlich Hilfe holen ? Wie schlecht darf es jemandem gehen, damit er sich – gesellschaftlich akzeptiert – an einen Therapeuten wendet ?

Was machen Therapeuten? Jedenfalls nicht die eigentliche Arbeit, die getan werden muss, damit es den Menschen besser geht. Bestenfalls schaffen sie es, sie zum Nachdenken, zum Überprüfen eigener Ideen und Überzeugungen anzuregen, Handwerkszeuge für einfacheres Leben anzubieten. Die eigentliche Arbeit machen sie selbst! Ich sehe Therapie als Initialzündung – ändern müssen Sie.

Und ein guter Therapeut lässt den Klienten selbst die Verantwortung. Dann haben nämlich sie es geschafft, ihre Einstellung/ihr Leben zu verändern. Und können stolz sein, das geschafft zu haben. Und das ist dann das Gegenteil von Scham.